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„Collect moments, not things!“ – Reportagefotografin Julia Erz im Interview

Interview Julia Erz Familienfotografie

Wenn man mit anderen Fotografen über den aktuellen Trend der Reportagefotografie spricht, kommt man irgendwann automatisch auf Julia Erz. Und so kommt es, dass man an Julia auch auf facebook und instagram nicht vorbei kommt. Authentisch und emotional – so beschreibt die junge Fotografin Julia Erz die Fotos aus ihren dokumentarischen Familienreportagen. Die Mutter von zwei Kindern bietet in Süddeutschland ungestellte Familienshootings an. Wir wollten sie unbedingt kennenlernen und ihr ein paar Fragen stellen.

 

Liebe Julia, du beschreibst dich selbst gern als Momentesammlerin. Was können wir uns darunter vorstellen?

Erstmal vielen Dank für die schöne Einleitung und die Einladung für das Interview. Ja, es stimmt, ich bezeichne mich als Momentesammlerin.

„Collect moments, not things!“, so ist mein stetes Motto. So viele Menschen sind auf der Suche nach irgendetwas, das sie erfüllt und ausfüllt. Dabei sind es für mich so winzige Momente, die unser Leben kostbar machen. Wir träumen von unserem nächsten Urlaub, von der Hochzeit, die wir bald besuchen etc. Dabei gehen die kleinen Momente des Alltags so schnell verloren: Das erste Laubblatt, dass meine Tochter mir schenkt. Pfützen springen etc. Ich halte diese kleinen Momente fotografisch auf dokumentarische Art und Weise fest. Bei meinen Kindern sehe ich selbst, wie schnell die Zeit vergeht, wie schnell sie groß werden.

Interview Julia Erz Familienfotografie

Wie viele Fotografen hast du nach der Schule zunächst eine andere Ausbildung gemacht und erst später deine Liebe zur Fotografie entdeckt. Warum hast du dich dann für die Fotografie entschieden?

Im allerersten Beruf bin ich Krankenschwester, habe anschließend aber noch Rehabilitationspsychologie in Stendal (Sachsen-Anhalt) mit erfolgreichem Abschluss Master of Science studiert. Ehrenamtlich war ich lange in der Hospizarbeit und in der Psychoonkologie (Betreuung von Krebspatienten) tätig.

Mit der Geburt meines ersten Kindes habe ich angefangen alles zu dokumentieren, was eine „Neu-Mutter“ so zu fotografieren hat, wenn sie vor Stolz und gleichzeitiger Erschöpfung fast platzt. Zur selben Zeit habe ich nach einer Form gesucht, die Bilder, aber auch Texte, in eine Form zu gießen. Ich bin auf das digitale Scrapbooking gestoßen und habe angefangen unsere Familienalben zu erstellen. Diese führe ich seit 2013. Ich habe mich sehr viel mit der Erstellung und dem Workflow auseinandergesetzt. Zusätzlich habe ich mein Wissen im Bezug auf die Fotografie autodidaktisch vertieft.

Die Fotografie bietet mir einen freien Raum, meine Kreativität zu leben. Die Psychologie, der Kontakt mit Menschen aller Altersgruppen, die Kommunikation – all das sind meine Themenbereiche aus den vorherigen Berufen.

Als dokumentarische Fotografin wird all das zusammen MIT der Kreativität gebündelt und das erfüllt mich komplett.

Das Bedürfnis Momente des Lebens fotografisch festzuhalten, kommt von innen heraus – ich MUSS es einfach tun.

Interview Julia Erz Familienfotografie

Was sollten wir noch über dich wissen?

Ich mag Menschen! Große und kleine. Ich würde mich sehr freuen euch kennen zu lernen!

Ich bin authentisch und emotional! Meine Bilder spiegeln das gut wider.

Ich liebe „gutes“, natürliches Licht!

Ich fahre sehr gern in den Urlaub und lerne neue Orte kennen. Unterwegs zu sein, neue Menschen und neue Orte kennen zu lernen – das bedeutet mir sehr viel. Also falls ihr eine Urlaubssession buchen wollt, dann freu ich mich auf euch!

 

Was ist das Spannende an der dokumentarischen Familienfotografie?

Immer wieder hinein zu tauchen in andere Familiensysteme mit all ihren unterschiedlichen Charakteren und Ritualen – das finde ich unglaublich spannend und auch sehr bereichernd für mein eigenes Sein als Mutter. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue die Familien kennen zu lernen!

 

Das Familienleben ist oft chaotisch und bunt. Was war der schönste Augenblick, den du bei einer Familie fotografisch begleiten durftest?

Letztes Jahr habe ich eine kurze Reportage begleiten dürfen. Eine Großmutter, ihre beiden Enkel, 17 und 23, haben einen „ganz normalen“ Sonntagnachmittag verbracht mit Kaffee und Kuchen und anschließendem Kartenspiel. Dabei sind wunderbar natürliche Bilder mit dem Blick auf das Wesentliche entstanden. Die alte Dame ist 3 Monate später verstorben. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir so klar, was für eine wichtige Arbeit da entsteht.  Interview Julia Erz

Und was war der traurigste Moment, den du miterlebt und fotografiert hast?

Vor einiger Zeit habe ich rein zufällig eine Familie getroffen, die ihr Sternenkind viel zu früh verabschieden mussten. Ich habe mich spontan bereit erklärt die Beerdigung fotodokumentarisch zu begleiten. Es war nicht einfach, dennoch eine wichtige Herzensangelegenheit. Aus eigener Erfahrung, meine Tochter ist ein ehemaliges Extremfrühchen, weiß ich, wie sehr man in solchen Momenten „im Nebel“ ist und nur noch „funktioniert“. Im Nachhinein wurde uns erst bewusst, wie viel wir durchgemacht haben. Den Eltern ging es ähnlich. Sie sind sehr dankbar für diese wertvollen Erinnerungen, die ich ihnen fotografisch festgehalten habe.

 

Du hast dich auf Familienreportagen spezialisiert, die immer öfter als “Day in the life sessions” bezeichnet werden. Was ist das Besondere an dieser Art von Fotoshooting? Was erwartet deine Kunden?

Ich begleite Familien in ihrem Leben einen halben oder ganzen Tag. Das kann in ihrem Zuhause sein, in der Natur oder auch im Urlaub. Auf dokumentarische Art und Weise halte ich das Leben der Familie fest. Ich bin keine Fliege an der Wand, die nicht mit euch redet, wir bleiben im Gespräch, während ich da bin. Ich möchte euch und eure Familie kennenlernen, um euch möglichst authentisch darstellen zu können! Bei mir findet keine gezielte Settingveränderung statt, das heisst ich greife nicht in das Geschehen ein. Ich fange die Momente auf den Punkt ein so wie sie geschehen.

Interview Julia Erz Familienfotografie

Welche Tipps würdest du unseren Leserinnen mit auf dem Weg geben, wenn sie ihren eigenen Familienalltag fotografisch festhalten wollen?

Zwei Tipps:

1.) Nehmt eure Kamera mit, immer, wohin ihr geht mit euren Kindern oder ohne. Es gibt ÜBERALL Momente zu sammeln. Beim Zahnarzt, in der Bücherei, beim Einkaufen… Und wenn es im Kinderzimmer leise wird, dann erst die Kamera nehmen bevor ihr nachseht.

2.) Wenn ihr euren Familienalltag fotografisch festhaltet, dann bitte, bitte lasst eure Bilder nicht auf einem Datenfriedhof liegen. Diese Erinnerungen sind zu wertvoll. Ich hatte mal den Satz gelesen: Die meistfotografierte Generation hat keine Bilder von sich ausgedruckt. Ja, leider ist es so! Druckt die Bilder aus, die ihr macht. Gestaltet Alben. Aber bitte lasst sie nicht einfach auf irgendeiner Festplatte liegen.

 

Wie organisierst du selbst deine Familienfotos? Lässt du Fotobücher drucken oder klebst du fein säuberlich Fotoabzüge ins klassische Fotoalbum?

Unsere Familienfotos sind in sogenannten Jahresalben organisiert. Ich gestalte wöchentlich eine Doppelseite mit vielen Momenten aus der vergangenen Woche. Hinzu kommen noch Texte und Zitate aus dem Familienleben.

Bei Hochzeiten, Geburtstagen oder Urlauben gibt es zusätzliche Doppelseiten, die ich fülle. Am Jahresende, wenn ich 52 Doppelseiten (oder meist mehr, für besondere Ereignisse im Jahr) erstellt habe, wird das Album in Druck gegeben.

Interview Julia Erz Familienfotografie

Auf instagram verfolge ich begeistert dein 365er Projekt. Was war deine Motivation dafür und wie läuft es?

Die selbstständige Arbeit als Fotografin fordert viel Aufmerksamkeit, dennoch steht es bei mir an höchster Stelle, selbst noch meine Kinder auch zu fotografieren. Daher habe ich mir mit dem 365er Fotografie-Projekt diese Aufgabe gestellt. Meine Kinder sind meine Inspiration und Motivation, dass ich täglich meine Kamera zur Hand nehme und auch stets mitnehme, wenn wir nicht daheim sind. Mein Mann zeigt sich bisweilen etwas genervt, aber auch er weiss, welch wertvolle Erinnerungen dabei entstehen. Einen Moment jeden Tages wähle ich dann aus und fülle damit mein 365er Fotografie-Projekt.

 

Tausend Dank Julia!

Besucht unbedingt die Website von Julia Erz. Dort findet ihr wunderbar echte Familienfotos und so zauberhafte Videos von ihren lebendigen Arbeiten. Natürlich solltet ihr Julia auch bei facebook folgen – ein Like lohnt sich. Regelmäßig ein Foto von Julias 365er Fotografie-Projekt findet ihr auf instagram.

 

Julia Erz Photography, Januar 2017
Interview: Carolin Bartel
Fotos: Julia Erz Photography

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