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Barbara Puchta: “Ich beobachte und halte fest, was ich sehe ohne einzugreifen“

Reportagefotografie

Unser Anliegen bei Klick.Kind ist es, euch die verschiedenen Facetten der Familienfotografie zu zeigen. Daher freuen wir uns besonders euch heute Barbara Puchta vorstellen zu können. Barbara ist dokumentarische Familienfotografin in Eckental bei Nürnberg. In ihren Fotoreportagen fängt sie wahre Momente voller Gefühle im Alltag ihrer Kunden ein – ohne Kleiderordnung, Anweisungen und ganz ohne Zeitdruck.

 

Liebe Barbara! Du bist mit Leib und Seele dokumentarische Familienfotografin! Ungestellte Momente und echte Emotionen. Das klingt toll. Aber auch schwierig und herausfordernd. Kannst du uns deine Arbeitsweise als Reportagefotografin ein wenig näher beschreiben? Was können sich unsere Leserinnen darunter vorstellen?

Ich begleite Familien über mehrere Stunden bis hin zu einem kompletten Tag in ihrem normalen Alltag und verzichte dabei beim Fotografieren auf jegliche Art von Anweisung, Posing, Wegräumen von Gegenständen oder Setzen ins rechte Licht und arbeite mit den natürlichen Gegebenheiten vor Ort.

Das Ziel der Reportagen, die dabei entstehen, ist es, den Familien (und insbesondere den Müttern) zu zeigen, wie schön ihr Leben ist, auch wenn sie häufig das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein, nicht schön genug, nicht dünn genug, das Haus nicht aufgeräumt genug etc. Diese Reportagen haben nicht selten einen therapeutischen Effekt, indem sie den Familien zeigen, wie sie nach außen wirken und dass da eigentlich immer das Schöne überwiegt, wenn auch natürlich die ein oder andere Träne oder der ein oder andere Wutanfall eines oder mehrerer Kinder zum Alltag einer jeden Familie dazugehören.

Interview mit Barabara Puchta ReportagefotografieWarst du schon immer Reportagefotografin? Wie hast du den Weg zur dokumentarischen Familienfotografin gefunden?

Ich habe schon immer viel fotografiert und direkt nach dem Abitur hatte ich auch schon mal die Idee, Fotografin zu werden. Aber irgendwie habe ich dann doch erstmal studiert und die Fotografie blieb ein Hobby, das ich über die Jahre mehr oder weniger intensiv betrieben habe. Als mein ältester Sohn geboren wurde, bekam ich meine erste Spiegelreflexkamera geschenkt. Damals noch nicht digital und ich knipste Film über Film weg. 9 Jahre später zur Geburt meiner Tochter kaufte ich mir dann meine erste digitale Spiegelreflexkamera, gefolgt von Kind Nummer 3 und Kamera Nummer 3 – gekoppelt mit der Idee, mein liebstes Hobby nun auch endlich zu meinem Beruf zu machen. Ich bin also ein echter Autodidakt. Ich habe aber mittlerweile auch unzählige Weiterbildungen im Bereich der Fotografie und insbesondere der Dokumentarfotografie absolviert und bin immer noch dabei, denn insbesondere im Bereich der Fotografie hat man nie ausgelernt.

Der dokumentarische Ansatz, der auch meinen Hochzeitsreportagen zugrunde liegt, liegt mir besonders am Herzen, weil ich gemerkt habe, dass mir diese gestellten Fotos, bei denen alles auf Hochglanz poliert ist, nichts geben. Irgendwie erschien mir das alles so austauschbar und ich hatte das Gefühl, dass es mehr um die Optik und die hübschen Accessoires ging, als um die Menschen und ihre Emotionen. So bin ich zum mehr fotojournalistischen Arbeiten gekommen, in dem ich einfach nur dokumentiere, was ich sehe. Eigentlich egal was es ist, sei es eine Hochzeit, eine Geburt, ein Neugeborenenshooting oder auch eine Familienreportage: Ich gehe immer gleich an die Arbeit heran. Ich beobachte und halte fest, was ich sehe ohne einzugreifen.

Interview Barbara Puchta Reportagefotografie Kind mit Zahnlücke

Du entscheidest dich besonders häufig für die Schwarz/Weiß Bearbeitung deiner Bilder. Gibt es einen bestimmten Grund dafür? Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Ja. Wenn ein Bild in schwarz-weiß ist, konzentriert man sich mehr auf den Moment und ist nicht so abgelenkt von den vielen Farben. Daher verzichten die Fotografen, die vor allen Dingen echte Momente zeigen wollen – seien sie lustig, traurig, zärtlich, skurril oder was auch immer, sehr häufig auf die Farbbearbeitung eines Bildes.

Hast du Vorbilder in der dokumentarischen Familienfotografie?

Oh ja, da habe ich einige Vorbilder! Allen voran Kisten Lewis Bethmann, eine amerikanische Familienfotojournalistin, bei der ich schon einige Mentorings gemacht habe. Eine fantastische Lehrerin, die mir sehr viel beigebracht hat. Ansonsten wären da noch Sally Mann, Alain Laboile, Niki Boon – die alle das Leben ihrer eigenen Familie dokumentieren oder dokumentiert haben, sehr inspirierend.

barbara_puchta_familienfotografieWie läuft ein typisches Shooting bei dir ab?

Bei den richtigen Familienreportagen, genannt „day in the life sessions“, bei denen ich die Familien einen halben oder sogar einen ganzen Tag begleiten darf, versuche ich im Vorfeld schon so viel wie möglich über die Familien zu erfahren. Bestenfalls treffen wir uns persönlich zu einem Vorgespräch, so können wir uns gegenseitig schon mal ein wenig beschnuppern und kennenlernen. Wenn ich dann zum Fototermin komme, sind wir uns schon nicht mehr ganz so fremd. Wenn ich dann da bin, begleite ich einfach den ganz normalen Alltag mit meiner Kamera und gehe überall hin mit, wo die Familie hingeht. Sei es eine Sportveranstaltung, ein Ausflug, sonstige Unternehmungen, der Wochenendeinkauf, das Kuscheln auf dem Sofa, die abendliche Bettgehroutine oder was auch immer. Meine Kamera und ich sind dabei und ich versuche festzuhalten, was ich sehe. Die unzähligen kleinen zärtlichen Gesten genauso wie die Erschöpfung, die Freude, das Lachen und die Wutanfälle.

Und bekomme ich als Kunde trotzdem ein klassisches Familienportrait, dass sich Oma in die Schrankwand stellen kann?

Ich werde bei jedem Shooting versuchen, auch Bilder der ganzen Familie zu machen, auch wenn diese nicht unbedingt immer wie ein klassisches Familienporträt aussehen werden. Wenn das aber gewünscht ist, mache ich das auf jeden Fall auch mit.

Interview Barbara Puchta Familienporträt

Wie gut lernt man die Familien an so einem Tag kennen? Hast du mit einigen Kunden noch Kontakt? Können sogar Freundschaften entstehen?

Oh ja, dabei können auf jeden Fall auch Freundschaften entstehen. Denn man lernt sich schon ganz gut kennen, wenn man einen ganzen Tag miteinander verbringt und die Familien wachsen mir immer ans Herz. Viele Familien buchen mich einmal im Jahr oder alle 2 Jahre und haben dann nach einer Weile eine richtig schöne Familienchronik ihres Lebens. Da gehört man dann schon ein bisschen zum Inventar und es kann auch sein, dass man sich mal privat trifft oder per Mail und whatsapp in Kontakt bleibt.

Häufig sind insbesondere die Mütter, die ja prinzipiell zur Selbstzerfleischung neigen, auch einfach sehr dankbar, wenn sie durch meine Linse sehen, was sie Großartiges leisten und wie viel Liebe sie geben und wie sehr sie geliebt werden und das doch eigentlich alles ganz gut ist, so wie es ist. Wie ich oben schon schrieb, haben die Fotos häufig einen echten therapeutischen Effekt. Das ist das Wundervolle an dieser Arbeit, dass es eben kein klassisches Dienstleister-Kunden-Verhältnis ist, sondern dass man wirklich ein herzliches Verhältnis zu seinen Kunden hat und das Gefühl bleibt, etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

barbara_puchta_familienfotografie_reportage

Begleitest du lieber den stinknormalen Alltag einer Familie oder lieber besondere Ereignisse wie Geburten, Taufen, Geburtstage und Einschulungen?

Am liebsten ist mir tatsächlich der ganz normale Alltag, direkt gefolgt von Geburten, die ihren ganz eigenen Reiz haben. Es ist einfach jedes Mal wieder ein Wunder, wenn so ein kleines Menschenskind das Licht der Welt erblickt und eine riesengroße Ehre für mich, wenn eine Familie mich einlädt, diesen Moment mit ihr zu teilen. Und da kullern dann auch bei mir jedes Mal ein paar Tränen der Rührung.

Um mehr Familien auf die dokumentarische Familienfotografie aufmerksam zu machen, hast du jetzt zusammen mit deiner Kollegin Julia Rose-Greim die Initiative „Nudeln mit Ketchup“ gegründet. Ganz ehrlich: Wie kommt man auf so einen Namen? Was steckt dahinter?

Wir haben lange überlegt, welchen Namen wir auswählen sollen und haben zusammen mit unserer Kollegin Julia Erz, die unser Team jetzt aber leider aus privaten Gründen verlassen hat, gebrainstormt und es wollte uns nichts Richtiges einfallen. Vieles erschien uns zu hölzern oder auch zu kitschig, nicht treffend genug oder was auch immer. Julia stolperte dann beim Blättern in einer Zeitschrift über „Nudeln mit Ketchup“ und warf es eher scherzhaft in den Raum. Als wir dann darüber nachdachten, fanden wir, dass es den berühmten Nagel auf den Kopf trifft, denn das ist ja genau das, worum es geht: Das Familienleben muss für Fotos nicht aufgehübscht werden wie Nudeln mit irgendeiner fancy Soße. Worum es geht, sind doch die Beziehungen untereinander und nicht der schöne Schein. Und wenn es dann ab und zu mal Nudeln mit Ketchup gibt oder Pommes anstatt ein 3-Gänge-Menü und die Familie dafür mehr Zeit miteinander verbracht hat, dann trifft das genau den Kern dessen, was wir zeigen wollen: Das Perfekte liegt im Unperfekten, seid glücklich mit dem, was ihr habt und genießt sie Zeit, die ihr miteinander habt!

Interview Barbara Puchta Kinder mit Mama

Bisher gibt es eine facebook-Seite zu „Nudeln mit Ketchup“. Was sieht man auf der Seite? Und was erwartet uns in Zukunft bei „Nudeln mit Ketchup“?

Wir haben die facebook-Seite Nudeln mit Ketchup gegründet, um die dokumentarische Familienfotografie im deutschsprachigen Raum etwas zu pushen. Denn sie ist leider hier, anders als in den USA, noch weitgehend unbekannt. Wir zeigen dort unsere Arbeiten und die von anderen Fotografen, die schon dokumentarisch arbeiten. Über kurz oder lang wollen wir auch unsere Webseite fertigbekommen, auf der wir dann ein Verzeichnis von Familien-Dokufotografen erstellen wollen, damit interessierte Kunden sich dort informieren können und sehen können, welche Fotografen in ihrer Nähe Dokureportagen anbieten. Des Weiteren wird es Blogbeiträge zu verschiedenen Themen geben, die alle zum Ziel haben sollen, zu zeigen, wie wichtig es ist, Fotos von den echten Momenten des Familienlebens zu haben, denn die Zeit vergeht viel zu schnell und das einzige, was bleibt sind die Erinnerungen, die mit Fotos lebendig gehalten werden können. Ich denke, den Kindern zum 18. Geburtstag eine Chronik ihrer Kindheit in Form von Alben mitzugeben, ist das wertvollste Geschenk, was man überhaupt machen kann.

Es gibt auch eine facebook-Gruppe „Nudeln mit Ketchup“, die jedoch den dokumentarisch arbeitenden Familienfotografen vorbehalten ist.

Vielen Dank für das ausführliche Interview, Barbara!

Wenn euch die Bilder von Barbara gefallen haben, solltet ihr fix zu ihrer Website rüber klicken. Denn da gibt es noch ganz viel mehr wunderbare Familienreportagen zu sehen. Und ihr müsst euch die facebook-Seite „Nudeln mit Ketchup“ näher anschauen und am besten gleich Fan werden!

 

Barbara Puchta, Oktober 2016
Interview: Carolin Bartel
Fotos: Barbara Puchta
Titelfoto von Barbara mit Familie: Leni Moretti

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