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Die Dokufotografie – Ein Missverständnis. Ein Gastartikel von Patrizia Iaconisi

Patrizia Iaconisi zur Dokufotografie

Vor ein paar Jahren schwappte im Bereich der Familienfotografie die Dokufotografie-Welle von Amerika nach Europa und wurde kommerziell, d. h., Fotografen begannen auch hierzulande, dieses Genre kommerziell zu nutzen. Dokumentarische Arbeiten mit Familien oder Kindern gibt es schon sehr lange, nur sind diese eher im künstlerischen Bereich angesiedelt.

Vor dieser Welle haben allerdings bereits viele Fotografinnen versucht, ihre Familienshootings möglichst natürlich ablaufen zu lassen, sehr viele waren längst schon auf dem Weg, sich von den Zwängen der Studiofotografie zu befreien. Sie gingen mit ihren Familien nach draußen und ließen sie laufen, sprechen, spielen, tollen, um die Kamera möglichst zu vergessen. Dennoch kamen hier meistens noch Accessoires, Anweisungen und Vorgaben zum Einsatz, sogar mitgebrachte Lichtquellen, Diffuseren etc.

Dokufotografie in der Familienfotografie

Im Grunde entstand so eine neue Art der Fotografie, eine Mischform, die vielen Fotografen das Arbeiten erleichterte, weil es ihrer Person mehr entsprach und sie außerdem eine wunderbare Alternative zu den gewohnten Studioaufnahmen bot. Diese Form der Fotografie ist jedoch in der Lifestyle Fotografie einzuordnen, da sie nicht den dokumentarischen Regeln folgt.

Die Grenzen zwischen Posing und freiem Agieren lösten sich nach und nach auf, leider. Denn was blieb ist ein scheinbar undurchsichtiges Gewirr an Definitionen völlig unterschiedlicher Herangehensweisen, völlig unterschiedlicher Genres, was für immer mehr Chaos und auch Unmut unter den echten Dokufotografen sorgt.

Ein Dokument ist ein Zeugnis, ein Beweisstück.

Gastartikel von Patrizia Iaconisi

Etwas fotografisch zu dokumentieren bedeutet, eine Situation, einen Zustand, ein Ereignis, Umstände, das Lebensumfeld und Lebensweisen von Menschen oder den Menschen an sich in seiner Umgebung zu zeigen, wie er ist.

ABER: Einem Kind ein Spielzeug hinzuhalten und zu fotografieren wie es reagiert, was es damit tut, ist kein dokumentarisches Arbeiten! (Es sei denn, es würde sich hier um eine Studie handeln, eine Untersuchung, ein Experiment, das dokumentiert würde. Und Hand aufs Herz, das ist bei den kommerziell arbeitenden Dokufotografen einfach nicht der Fall.)

Gastartikel von Patrizia Iaconisi

Was macht ein professionelles dokumentarisches Bild aus?

Ein professionelles dokumentarisches Bild beinhaltet möglichst eine Kombination aus drei elementaren Komponenten, die – und das ist ausschlaggebend – nicht künstlich erzeugt, sondern gesehen werden müssen:

Moment, Komposition (Bildkomposition) und Licht.

Professionelle Dokufotografen haben diese drei Punkte zu einem Teil ihres Denkens gemacht. Ihre Wahrnehmung ist darauf spezialisiert, mit diesen drei Komponenten bewusst umzugehen. Achtsamkeit, Schnelligkeit und die Fähigkeit Licht und Kompositionen überhaupt zu sehen sind hierfür die Grundvoraussetzung. Zudem muss selbstverständlich und zwangsläufig die Kamera blind beherrscht werden.

Im Gegensatz dazu beinhaltet ein Schnappschuss (also das, was wir unter Schnappschuss verstehen) eine oder mehrere dieser Komponenten höchstens aus reinem Zufall. Ein Schnappschuss kann zweifelsfrei auch dokumentarisch sein, aber er ist nicht professionell. Er entsteht aus keinem Anspruch heraus, außer dem, ein Foto zu machen. Ihm liegt keine Haltung zugrunde, keine tiefere Absicht. Schnappschüsse als dokumentarische Arbeit zu bezeichnen ist demnach nicht nur schlicht und ergreifend falsch, sondern schadet dem gesamten Genre.

Gastartikel von Patrizia Iaconisi 01

Aber was ist dann eigentlich dokumentarische Fotografie?

Eine eindeutige Definition dieses Genres der Fotografie ist grundsätzlich nicht möglich, da die dokumentarische Fotografie keine in sich geschlossene Gattung darstellt, sondern vielmehr eine Herangehensweise, eine innere Haltung, eine meist sehr persönliche Vorgehensweise, sich Zugang zur Welt zu verschaffen.

Fotografen, die professionell dokumentarisch fotografieren, streben alle nach dem einem Ziel: Bruchstücke der Realität, also Ausschnitte von Ereignissen und Zuständen, aus ihrer Sichtweise auf erzählerische Weise zu zeigen, ohne diese dabei zu verfälschen. Diese Bruchstücke stellen natürlich nicht die Realität im Gesamten, die Wahrheit dar, sondern zeigen lediglich einen kleinen Teil dessen oder verbergen gar Teile davon.

Patrizia Iaconisi im Gastartikel

Im Bereich der Familienreportagen stehen hauptsächlich die kleinen, unscheinbaren Momente im Vordergrund, die sich im Alltag oftmals unserer Wahrnehmung entziehen. Die Haltung des Fotografen ist ausschlaggebend dafür, inwieweit seine Fotografien als real gelten können. Inwieweit ist er wirklich bereit, sich soweit zurückzunehmen, dass letztlich seine Anwesenheit als einzig einflussnehmender Faktor übrigbleibt?

Ohne Frage ist jegliche Art von Fotografie die gefilterte Wiedergabe des Gesehenen, die der individuellen Wahrnehmung des Fotografen zugrunde liegt. Eine Darstellung der Realität aus Sicht einer einzelnen Person. Die dabei zumeist angestrebte Darstellung von Wahrheit und Authentizität kann daher immer nur als eine Annäherung an diese gesehen werden. Und letztlich ist es immer eine Frage des eigenen Gewissens.

Patrizia Iaconisi im Gastartikel über dokumentarische Kinderfotografie

Was ist der Unterschied zwischen Lifestyle und Doku?

Um sich von anderen Gattungen der Fotografie wie beispielsweise der Lifestylefotografie abzugrenzen, bei der es darum geht, die Personen und Gegenstände möglichst ins beste Licht zu rücken, sie als perfekt erscheinen zu lassen, folgen professionelle dokumentarisch arbeitende Fotografen den ethischen Grundregeln des Fotojournalismus.

Als oberstes Gebot gilt hier, nicht manipulativ ins Geschehen einzugreifen, also keine Anweisungen zu geben, keine Posings vorzunehmen und möglichst keinen Einfluss auf seine Umgebung zu nehmen, die abgelichtet werden soll. Das gleiche gilt für die Bearbeitung von Bildern. Auch hier ist ein manipulatives Vorgehen wie beispielsweise das Entfernen von Bildteilen nicht erlaubt, was bei Lifestylefotografien sehr häufig vorkommt.

Patrizia Iaconisi im Gastartikel über dokumentarische Kinderfotografie

Die vielen unterschiedlichen Bezeichnungen für die kommerziell angebotenen Foto-Sessions aller Art sorgen für viel Verwirrung: Was ist nun echt?

Lifestyle? Homestory? Familienreportage? Hochzeitsreportage? Homesession? Outdoorsession? Wenn man sich hier nicht sicher ist, sollte man den Fotografen fragen, wie er arbeitet. Nun sind viele angehende Fotografen oder auch Fotografen, die sich in anderen Sparten, wie beispielsweise in der Neugeborenen- oder der Lifestylefotografie, bereits einen Namen gemacht haben, auf die Dokufotografie gestoßen und wollen diese ausprobieren. Dabei werden zum Teil die Genres vermischt und ihre Arbeiten als „dokumentarisch“ oder „authentisch“ verkauft.

Patrizia Iaconisi im Gastartikel über dokumentarische Kinderfotografie

In den meisten Fällen liegt hier das Missverständnis auf der sprachlichen Ebene. Es werden Begriffe verwendet, die nicht das bezeichnen, was es ist. Und den wenigsten ist das bewusst. Dass beispielsweise „authentisch“ den Tatsachen entsprechend bedeutet, ist den wenigsten bekannt. Fakt ist jedenfalls, dass nur ein kleiner Bruchteil der Fotografen, die ihre Arbeit als dokumentarisch bezeichnen oder ihr den Namen Reportagefotografie geben, auch tatsächlich professionell dokumentarisch arbeitet.

An erster Stelle seien hier noch die weit verbreiteten sogenannten Hochzeitsreportagen zu nennen. Kaum eine dieser Hochzeitsreportagen sind echte Reportagen. Der Begriff hat sich jedoch derart durchgesetzt, dass seine wahre Bedeutung nur noch ein trauriges Überbleibsel ist für jene, die sich diesem Genre verschrieben haben und in ihre echten Reportagen viel Herzblut, Arbeit und Anstrengungen stecken.

Patrizia Iaconisi im Gastartikel

Mein Anliegen:

In erster Linie sollte der professionelle Fotograf in sich gehen und kritisch seine Arbeit hinterfragen: Entspricht diese nicht den Kriterien der dokumentarischen Fotografie, sollte er weder sich noch seine Arbeit als solche bezeichnen.

Das ist mein Anliegen. Mein Appell an das eigene Gewissen.

Es geht darum, die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der dokumentarisch arbeitenden Fotografen zu wahren und zu schützen. Und am Ende die eigene.

Bleibt fair.

Patrizia Iaconisi

 


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Patrizia Iaconisi steht für authentische Familienfotografie im Reportagestil. Dabei konzentriert sie sich auf wahre Geschichten voller Emotionen. Patrizia lebt mit ihrer Familie in Unterroth bei Ulm.

Fotos: Patrizia Iaconisi

 

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1 Kommentar

  • Reply
    Klaus Heymach · Fotografie
    30. November 2017 at 21:49

    Wahre Worte Patrizia! Am Ende ist es halt der Unterschied zwischen einem «möglichst natürlichen Familienshooting» (wer will das nicht, heutzutage?) und dokumentarischer Fotografie (muss man wollen – auch als Kunde). Und dazwischen liegen Welten.

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