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Im Interview: Anette Göttlicher über das Fotografieren lernen

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Auf der Suche nach meiner ersten Fotochallenge bin ich vor einigen Jahren auf Anette Göttlicher von „göttlicher fotografieren“ gestoßen. Anette ist leidenschaftliche Familien- und Hochzeitsfotografin mit dem Blick für die unscheinbaren Details. Und eine Art Mentorin. Denn Anette ruft regelmäßig im Netz zu wunderbaren Fotoprojekten und Fotoreisen auf. Mit ihren Aktionen erreicht sie viele fotografiebegeisterte Menschen, die durch Anette inspiriert, motiviert und angespornt werden. Darüber hinaus gibt sie ihre Erfahrungen auch gern als Foto-Tipps auf ihrem Blog weiter. Wer ist also diese Frau, die ihr fotografisches Wissen so gern mit anderen Gleichgesinnten teilt?

 

Liebe Anette Göttlicher. Stell dich doch bitte erstmal kurz unseren Leserinnen vor! Wer bist du? Wo kommst du her? Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Ich bin eine geborene Münchnerin und habe nach dem Studium zehn Jahre lang als Onlinejournalistin bei großen Verlagen gearbeitet und Romane geschrieben, bis ich Mutter wurde. Fotografiert habe ich schon immer, mein Vater war ein talentierter Hobbyfotograf und hat mir, als ich fünf Jahre alt war, meine erste eigene Kamera geschenkt. Als ich beim Verlag aufhörte und mich selbständig machte, war die Fotografie zunächst nur als zweites Standbein neben dem Schreiben gedacht, wurde dann aber recht schnell zu meiner Hauptaufgabe.

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Und wie um Himmels willen kommt man auf dem Namen „göttlicher fotografieren“? Klingt im ersten Moment vielleicht etwas größenwahnsinnig, oder nicht?

Nicht, wenn man Göttlicher mit Nachnamen heißt, oder? Das ist mein echter Geburtsname, unter dem ich auch meine Romane veröffentlicht habe und den ich für alles, was mit meiner Arbeit zu tun hat, behalten habe, auch wenn seit 2003 ein anderer in meinem Pass steht.

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Was fasziniert dich an der Familienfotografie?

Vieles! Da ist dieser Einblick in das Leben von Fremden, die danach keine Fremden mehr sind. Das Vertrauen der Familien, die mich kurz in ihre Wohnungen und ihr Leben lassen, wie es wirklich ist. Die Freude der Familien über die authentischen Fotos, die so intim und echt sind.

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Wenn du die Wahl hättest: First-Sight-Shooting unter Geschwistern, Familienreportage mit fünf Kindern zu Hause oder die Taufe als Familienevent. Für welchen Auftrag würdest du dich entscheiden und warum?

Für die First-Sight-Session, also eine Reportage über den Moment, in dem große Geschwister das neue Baby zum ersten Mal sehen. Das ist mein absolutes Lieblingsformat. Weil es genau das ist, was ich so gerne mache: Echt, ungestellt, emotional, unwiederbringlich, besonders, magisch, und die Location ist völlig nebensächlich. Nur der Moment zählt.

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Du gibst auf deinem Blog hin und wieder Foto-Tipps. Glaubst du, dass Frauen anders fotografieren als Männer? In welchen Bereichen suchen Frauen Unterstützung? Technisches Verständnis? Bildgestaltung? Motivation?

Ich glaube schon. Die meisten Frauen sehen die Technik wie ich: Als Basis, die man so gut wie möglich beherrscht, damit sie einen nicht mehr dabei stört, das auszudrücken, was man zeigen möchte. Die meisten Fragen erhalte ich zum Thema „welche Kamera“, vor allem, seit es Systemkameras gibt, und dazu, wie man „sehen lernen“ kann. Wie man es also schafft, das Besondere im Alltäglichen zu sehen und seine Gefühle mit Bildern auszudrücken, Geschichten zu erzählen.

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Was sollten unsere Leserinnen, die gerade erst mit der Fotografie beginnen, deiner Meinung nach als Erstes lernen? Denn gerade am Anfang strömen die vielen Informationen ja nur so auf einen ein. Worauf sollten sich Anfängerinnen konzentrieren? Welche persönlichen Tipps hast du für unsere Leserinnen?

Sie sollten sich eine solide Kamera mit einer guten Festbrennweite zulegen und die grundlegende Technik lernen: Wie Blende und Verschlusszeit miteinander zusammenhängen und wie man mit der Blende (oder auch Verschlusszeit) den Look des Bilds steuern kann. Das ist eigentlich ganz einfach. Und dann muss man einfach üben, üben, üben, immer eine Kamera dabeihaben und alles fotografieren.

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In den letzten Jahren hast du sehr viele Fotoprojekte gemacht: Fotomarathon, Fotoreise nach New York, #dailyfotoproject oder auch selbst organisierte Fotoprojekte bei facebook – dieses Jahr heißt deine Fotochallenge „42plus10“. Warum sollten wir alle mal ein Fotoprojekt mitmachen? Was bringen diese Projekte für unsere fotografische Entwicklung?

In erster Linie: Inspiration und Motivation. Ich habe früher viele Fotoprojekte nur für mich selbst gemacht, à la „Jeden Tag ein Bild“. Aber es ist schwer, das durchzuziehen, wenn man es alleine macht und es niemanden interessiert. Das Ziel meiner Fotochallenges wie 42plus10 ist, die Teilnehmer zum Fotografieren zu bringen. Und zwar regelmäßig und nicht nur im Urlaub oder auf Fotowalks. Einfach machen. Der Rest ergibt sich von selbst – oder eben nicht, aber dann ist es vielleicht doch nicht das richtige Hobby.

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Was war dein Lieblingsprojekt? Was hast du alles erlebt?

Eines meiner schönsten Projekte war eine von einer Partnerin in Italien und mir organisierte Fotoreise nach Apulien. Ich hatte acht tolle Teilnehmerinnen, die Chemie hat gepasst und es war weit mehr als nur ein Fotoworkshop. Wir haben alle sehr viel gelernt in diesen paar Tagen, das war fast ein gegenseitiges Coachen, obwohl es gar nicht so gedacht war. Und natürlich diese alten Olivenbäume … Meine selbst organisierte Reise nach New York war auch so ein Herzensprojekt, auch wenn sich dabei herausgestellt hat, dass ich damit nicht wirklich mein Geld verdienen kann, da ich unbedingt mit wenigen Teilnehmern, für die ich dann wirklich da sein kann, arbeiten möchte.

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Für die Umsetzung solcher Projekte brauchst du sicher viele Ideen und manchmal auch etwas Mut. Was oder wer inspiriert dich immer wieder? Was spornt dich an?

Ideen habe ich mehr als genug, und das meine ich wörtlich. Die meisten kann ich zeitlich gar nicht weiterverfolgen. Als mutig empfinde ich mich nicht, denn ich investiere ja in mich selbst, und wenn etwas schiefläuft, ist das eine wertvolle und nötige Erfahrung. Mich inspiriert das Gefühl der Freiheit, das ich durch meine Selbständigkeit habe und das mir als Mutter von noch recht kleinen Kindern so oft fehlt. Mein Job gibt mir Freiheit, finanziell und ganz praktisch. In einem festen 20-Stunden-Job wäre es sicher gemütlicher, aber darin würde ich mich gefangen fühlen.

 

Liebe Anette, herzlichen Dank für die vielen Tipps und die Motivation zu einem Fotoprojekt!

Weitere Tipps zur Bildgestaltung und manchmal auch zu technischem Grundwissen gibt Anette Göttlicher von „göttlicher fotografieren“ regelmäßig auf ihrem Blog und bei facebook. Mehr über Anette und ihre Arbeiten erfahrt ihr auf der Website. Und allen Leserinnen aus Süddeutschland seien auch Anettes Einzelcoachings ans Herz gelegt.

 

Anette Göttlicher/göttlicher fotografieren, März 2017
Interview: Carolin Bartel
Fotos: Anette Göttlicher/göttlicher fotografieren

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